Routine Outcome Monitoring: Therapieerfolge systematisch messen
ROM Psychotherapie: Evidenzbasierter Leitfaden für messbare Therapieerfolge. Mit Vorbereitung auf die G-BA Qualitätssicherung 2025/2026.

Stellen Sie sich vor, Sie behandeln 550 Patienten. Statistisch werden etwa 44 von ihnen keine Besserung erfahren oder sich sogar verschlechtern. Wie viele dieser Fälle würden Sie zuverlässig erkennen? Als Michael J. Lambert Therapeuten genau diese Frage stellte, identifizierten diese lediglich 3 von 550 Patienten als gefährdet — bei einer tatsächlichen Misserfolgsrate von acht Prozent (Lambert, 2007). Dieses Ergebnis ist kein Vorwurf an die klinische Kompetenz. Es zeigt vielmehr, dass klinische Intuition allein nicht ausreicht, um Therapieverläufe zuverlässig einzuschätzen.
Die Forschung belegt konsistent: 5 bis 10 Prozent der Patienten verschlechtern sich während einer Psychotherapie, und 35 bis 40 Prozent der Teilnehmer in klinischen Studien zeigen keine Verbesserung (Lambert, 2007). Gleichzeitig können aktuarische Methoden bereits ab der zweiten Sitzung mit 65 Prozent Genauigkeit vorhersagen, ob eine Therapie auf dem richtigen Weg ist. Hier setzt Routine Outcome Monitoring (ROM) in der Psychotherapie an: als systematisches Frühwarnsystem, das klinisches Urteil durch empirische Daten ergänzt.
Die Relevanz für die deutsche Versorgungslandschaft wächst zusätzlich: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat am 18. Januar 2024 ein neues Qualitätssicherungsverfahren für die ambulante Psychotherapie beschlossen, dessen Pilotphase seit dem 1. Januar 2025 in Nordrhein-Westfalen läuft (G-BA, 2024). Rund 1,5 Millionen Patienten pro Quartal nutzen in Deutschland ambulante psychotherapeutische Leistungen, erbracht von etwa 38.000 Leistungserbringern (GKV-Spitzenverband). Wer sich jetzt mit ROM vertraut macht, ist auf die kommenden Anforderungen vorbereitet.
Dieser Artikel stellt sieben evidenzbasierte Strategien vor, mit denen Sie Routine Outcome Monitoring in der Psychotherapie konkret in Ihrer Praxis umsetzen und Therapieerfolge messbar machen können.
Was ist Routine Outcome Monitoring?
Routine Outcome Monitoring Psychotherapie bezeichnet die systematische, sitzungsbegleitende Erhebung von Patientenselbsteinschätzungen mithilfe validierter Fragebogen. Patienten füllen vor oder nach jeder Sitzung kurze Instrumente aus — in der Regel dauert dies drei bis fünf Minuten. Die Ergebnisse werden unmittelbar ausgewertet und dem Therapeuten als Verlaufsrückmeldung zur Verfügung gestellt.
ROM unterscheidet sich grundlegend von der klassischen Eingangs- und Abschlussdiagnostik. Während herkömmliche Verfahren lediglich Momentaufnahmen zu Beginn und Ende der Behandlung liefern, schafft ROM einen kontinuierlichen Datenstrom, der den Therapieverlauf in Echtzeit abbildet. Es geht dabei nicht nur um das Messen von Therapieerfolgen, sondern um eine aktive Rückkopplungsschleife: Die erhobenen Daten fließen direkt in klinische Entscheidungen ein und ermöglichen es, Behandlungen frühzeitig anzupassen.
Die Feedback-informierte Behandlung — der übergeordnete Rahmen für ROM — umfasst drei Kernelemente: erstens die systematische Messung des Therapieergebnisses, zweitens die Rückmeldung dieser Ergebnisse an den Therapeuten und drittens die gezielte Anpassung der Behandlung auf Grundlage dieser Daten.
Die Evidenzlage: Warum ROM wirkt
Die Wirksamkeit von ROM ist durch mehrere Metaanalysen abgesichert. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zu Mess- und Feedbacksystemen ergab einen signifikanten Gesamteffekt auf psychische Gesundheitsoutcomes von d = 0,14 (95%-KI [0,082-0,206], p < 0,001) (PMC, 2023). Dieser Effekt ist klein, aber statistisch robust und klinisch bedeutsam, da er sich additiv zu den ohnehin vorhandenen Therapieeffekten verhält.
Besonders relevant sind die differenzierten Befunde für Patienten, die nicht den erwarteten Therapieverlauf zeigen. Bei diesen sogenannten Not-on-Track-Patienten verdoppelt sich der Effekt auf d = 0,29 (95%-KI [0,114-0,464], p = 0,003) (PMC, 2023). Konkret bedeutet dies: ROM entfaltet seine größte Wirkung genau dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird — bei Patienten mit drohendem Therapiemisserfolg.
Die Metaanalyse von De Jong und Kollegen zeigte zudem, dass Feedback die Abbruchrate um 20 Prozent reduziert (OR = 1,19, 95%-KI [1,03-1,38]). In einer weiteren Analyse sank die Verschlechterungsrate bei gefährdeten Patienten von 20 Prozent auf 9 Prozent — eine Halbierung durch den Einsatz von Feedbacksystemen (Lambert, 2007).
Strategie 1: Das richtige Instrument wählen
Die Auswahl des passenden Messinstruments ist die Grundlage jeder ROM-Implementierung. Für den deutschsprachigen Raum stehen mehrere validierte Instrumente zur Verfügung, die sich in Umfang, Fokus und Einsatzbereich unterscheiden.
Der OQ-45 (Outcome Qüstionnaire-45), im Deutschen als EB-45 (Ergebnisfragebogen-45) bekannt, gilt als internationaler Goldstandard. Entwickelt von Gary M. Burlingame und Michael J. Lambert, erfasst er mit 45 Items drei Bereiche: Symptomschwere, interpersonelle Beziehungen und soziale Rollenfunktion. Die deutsche Validierung an der Universität Trier ergab eine interne Konsistenz von 0,59 bis 0,93 und eine Retest-Reliabilität von 0,71 bis 0,87.
Der CORE-OM (Clinical Outcomes in Routine Evaluation) bietet mit 34 Items einen schulenübergreifenden und diagnosenunabhängigen Ansatz. Die deutsche Validierung an einer klinischen Stichprobe von N = 4.355 Patienten ergab eine gute Reliabilität (Alpha = 0,93) und eine hohe konvergente Validität mit dem OQ-45 (r = 0,84). Das Instrument liegt in über 50 Sprachen vor.
Für den störungsspezifischen Einsatz eignen sich der PHQ-9 (Depressionsscreening, 9 Items) und der GAD-7 (Angstscreening, 7 Items). Beide Instrumente wurden am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) für den deutschen Sprachraum validiert und normiert. Sie werden im englischen NHS-Talking-Therapies-Programm als Standardinstrumente für die sitzungsbegleitende Verlaufsmessung eingesetzt.
Das PCOMS (Partners for Change Outcome Management System) von Scott Miller und Barry Duncan bietet mit der Outcome Rating Scale (ORS, 4 Items) und der Session Rating Scale (SRS, 4 Items) die kürzeste Alternative. Die Gesamtdurchführungszeit beträgt etwa fünf Minuten. PCOMS ist im US-amerikanischen SAMHSA-Register evidenzbasierter Programme gelistet.
Strategie 2: Digitale ROM-Systeme implementieren
Digitale Systeme senken die Implementierungsbarrieren erheblich, da sie automatisierte Auswertung, grafische Verlaufsdarstellungen und unmittelbares Feedback ermöglichen. In Deutschland stehen zwei forschungsbasierte Systeme zur Verfügung, die den internationalen Standard definieren.
Das Greifswalder Psychotherapie-Navigationssystem (GPNS) der Universität Greifswald wird seit Dezember 2021 routinemäßig für alle neuen Behandlungsfälle eingesetzt. Patienten füllen zwei Kurzfragebogen pro Woche aus — einen vor und einen nach der Sitzung — mit einer Bearbeitungszeit von maximal fünf Minuten. Das System liefert prognostische Verlaufskurven, individualisierte Schwellenwerte für die Symptombelastung, Motivationseinschätzungen, Allianzratings, Suizidrisiko-Warnungen und konkrete Handlungsempfehlungen für die Therapieanpassung.
Der Trierer Therapie Navigator (TTN) der Universität Trier nutzt maschinelles Lernen auf der Grundlage von 1.234 Behandlungsfällen mit Verhaltenstherapie, um optimale Behandlungsstrategien und Abbruchrisiken vorherzusagen. Das System deckt fünf klinische Therapiebereiche ab: Krisenmanagement und Suizidalität, Motivation und Therapieziele, therapeutische Beziehung und interpersonelle Kompetenz, soziale Unterstützung und kritische Lebensereignisse sowie Emotions- und Selbstregulation.
Bei der Implementierung digitaler ROM-Systeme ist die Einhaltung der DSGVO zwingend erforderlich. Gesundheitsdaten gelten als besonders schützenswerte personenbezogene Daten. Server sollten sich idealerweise in Deutschland oder zumindest innerhalb der EU befinden. Dienstleister, die Cloud-Systeme betreiben, dürfen keinen Zugriff auf Patientendaten haben. Die Dokumentation muss mindestens zehn Jahre nach Behandlungsabschluss aufbewahrt werden. Eine ausdrückliche Patienteneinwilligung über die reine Behandlungsbegründung hinaus ist erforderlich.
Strategie 3: Feedback-Gespräche führen und Zeitressourcen schaffen
Daten zu erheben, ohne sie zu nutzen, verfehlt den Kern von ROM. Die eigentliche Wirkung entfaltet sich erst, wenn die Ergebnisse aktiv in die therapeutische Arbeit einfließen. Feedback-informierte Behandlung bedeutet, Verlaufsdaten systematisch mit Patienten zu besprechen und daraus gemeinsam Konseqünzen für die weitere Therapie abzuleiten.
Die Forschung zeigt, dass die Sichtbarkeit des eigenen Fortschritts die Selbstwirksamkeit der Patienten stärkt. Wenn Patienten anhand grafischer Verlaufsdarstellungen erkennen können, dass sich ihre Symptombelastung über Wochen hinweg verringert hat, entsteht ein konkreter Beleg für den Therapieerfolg, der über das subjektive Empfinden hinausgeht.
Praktisch lässt sich dies wie folgt umsetzen: Der Patient füllt den Fragebogen vor der Sitzung aus (digital, im Wartezimmer, maximal fünf Minuten). Zu Beginn der Sitzung besprechen Sie gemeinsam die Verlaufsgrafik. Bei positiver Entwicklung wird der Fortschritt gewürdigt. Bei Stagnation oder Verschlechterung wird offen über mögliche Ursachen und Anpassungen gesprochen. Das englische NHS-Talking-Therapies-Programm setzt dieses Modell in großem Maßstab um — dort gehört die wöchentliche Verlaufsmessung mit PHQ-9, GAD-7 und WSAS zum Standardprotokoll, ergänzt durch wöchentliche Einzelsupervision für alle Therapeuten.
ROM-Effizienz-Hack: Zeitgewinn durch KI-Dokumentation
Die größte Hürde für ROM ist oft die Zeit für die Besprechung der Ergebnisse. Wenn Sie jedoch eine KI-gestützte Dokumentation wie SCRIBE nutzen, gewinnen Sie die nötigen 5 Minuten pro Sitzung zurück. Während die KI die formale Dokumentation im Hintergrund erledigt, können Sie die gewonnene Zeit nutzen, um die ROM-Grafik tiefgehend mit Ihrem Patienten zu reflektieren. So wird ROM nicht zur Zusatzbelastung, sondern zur natürlichen Ergänzung eines bereits effizienten Workflows.
Strategie 4: Clinical Support Tools nutzen
Die Effektstärke von ROM steigt erheblich, wenn neben dem reinen Feedback zusätzliche klinische Unterstützungsinstrumente eingesetzt werden. Lambert und Kollegen zeigten, dass der Einsatz von Clinical Support Tools (CST) die Effektstärke von d = 0,15 auf d = 0,49 erhöhte (Lambert, 2009). Laut einem Bericht im Deutschen Ärzteblatt verbesserte sich die Symptomverbesserungsrate bei ungenügend ansprechenden Patienten von 25 Prozent auf 49 Prozent, während die Verschlechterungsrate von 19 Prozent auf 8 Prozent sank.
Das Kerninstrument ist das Assessment for Signal Cases (ASC) — ein 40-Item-Fragebogen auf einer fünfstufigen Likert-Skala, der vier Bereiche erfasst: therapeutische Allianz, soziale Unterstützung, Motivation und negative Lebensereignisse. Das ASC wird gezielt dann eingesetzt, wenn ein Patient als Not-on-Track identifiziert wurde.
Der Workflow folgt einem strukturierten Ablauf: Das Feedbacksystem meldet eine Abweichung vom erwarteten Verlauf. Der Patient füllt das ASC aus. Die Ergebnisse werden in einem klinischen Entscheidungsbaum ausgewertet. Daraus ergeben sich konkrete Interventionsempfehlungen für die identifizierten Problembereiche. Ergänzend stehen manualbasierte Interventionsanleitungen zur Verfügung.
Dieser systematische Ansatz ist besonders wertvoll, weil er nicht bei der Diagnose eines Problems stehen bleibt, sondern direkt handlungsleitende Empfehlungen liefert. Für Therapeuten, die Therapieerfolge messen und gleichzeitig ihre Handlungskompetenz bei schwierigen Verläufen stärken wollen, sind CST ein unverzichtbares Werkzeug.
Strategie 5: Therapeutische Allianz messen
Die therapeutische Allianz ist einer der stärksten Prädiktoren für den Therapieerfolg — und zugleich ein Bereich, in dem Therapeuten die Einschätzung ihrer Patienten systematisch überschätzen. Die Session Rating Scale (SRS) von Scott Miller und Barry Duncan erfasst mit vier Items am Ende jeder Sitzung, wie der Patient die Sitzung erlebt hat. Die Durchführung dauert weniger als eine Minute.
Allianzprobleme in den ersten Sitzungen sind besonders kritisch: 40 Prozent der Ergebnisvarianz am Therapieende lassen sich durch den OQ-45-Eingangswert und die Veränderungen in den Sitzungen eins bis drei erklären. Früherkennung von Allianzproblemen ermöglicht gezielte Reparatur, bevor die therapeutische Beziehung nachhaltig beschädigt wird.
Das PCOMS-System, das ORS und SRS kombiniert, zeigt beeindruckende Ergebnisse: Patienten haben eine 3,5-fach höhere Wahrscheinlichkeit, eine zuverlässige Verbesserung zu erreichen, und eine halb so große Wahrscheinlichkeit, sich zu verschlechtern. Das System ist im SAMHSA-Register evidenzbasierter Programme gelistet.
Die regelmäßige Allianzmessung bewirkt einen Kulturwandel in der therapeutischen Beziehung: Sie signalisiert dem Patienten, dass seine Perspektive aktiv eingeholt und ernst genommen wird. Dies stärkt die kollaborative Haltung und normalisiert das offene Ansprechen von Schwierigkeiten in der Therapie.
Strategie 6: Implementierungsbarrieren überwinden
Die häufigsten Hindernisse bei der ROM-Einführung sind gut dokumentiert und lassen sich in drei Kategorien einteilen: praktische Bedenken, psychologische Widerstände und strukturelle Herausforderungen.
Zeitaufwand: Der am häufigsten genannte Einwand betrifft die Zeit für Durchführung, Auswertung und Besprechung der Fragebogen. Digitale Systeme reduzieren diesen Aufwand auf drei bis fünf Minuten pro Sitzung. Bei einer durchschnittlichen Sitzungsdauer von 50 Minuten entspricht dies sechs bis zehn Prozent der Sitzungszeit — eine Investition, die durch die nachgewiesene Reduktion von Abbrüchen und Verschlechterungen mehr als kompensiert wird.
Angst vor Evaluation: Viele Therapeuten befürchten, dass ROM-Daten zur Leistungsbewertung herangezogen werden. Hier ist es entscheidend, ROM als klinisches Werkzeug für die eigene Praxis zu rahmen — nicht als externes Kontrollinstrument. Die Forschung zeigt, dass Therapeuten, die ROM als Beitrag zur Praxiswirksamkeit wahrnehmen, eine signifikant höhere Nutzungsbereitschaft aufweisen.
Skepsis gegenüber der Relevanz: Einige Therapeuten bezweifeln, dass standardisierte Fragebogen die Komplexität therapeutischer Prozesse abbilden können. Die Evidenz widerlegt dies: ROM erfasst nicht die therapeutische Arbeit selbst, sondern deren Ergebnisse aus Patientenperspektive. Diese Perspektive ist ein unverzichtbares Korrektiv zum klinischen Urteil, wie Lamberts Befund zu den 3 von 550 prognostizierten Misserfolgen eindrucksvoll zeigt.
Erfolgsfaktoren: Die Forschung identifiziert drei zentrale Faktoren für eine gelungene Implementierung: gezielte Schulung und fortlaufende Unterstützung, die Einbettung in Supervisionsprozesse und die Sicherstellung, dass Instrumente tatsächlich genutzt und nicht nur formal erhoben werden.
Strategie 7: QS-Verfahren vorbereiten
Der G-BA hat am 18. Januar 2024 ein Qualitätssicherungsverfahren für die ambulante psychotherapeutische Versorgung beschlossen (G-BA, 2024). Die Pilotphase läuft seit dem 1. Januar 2025 in Nordrhein-Westfalen, in den Bereichen der KV Nordrhein und der KV Westfalen-Lippe. Das IQTIG entwickelt das Verfahren im Auftrag des G-BA. Es umfasst zwei QS-Instrumente: eine fallbezogene QS-Dokumentation und Patientenbefragungen. Neun Qualitätsindikatoren mit 101 Datenfeldern sind definiert. Die Erhebung erfolgt in zwei Perioden: 2025/2026 und 2027/2028. Eine bundesweite Einführung ist für 2031 geplant (IQTIG).
Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hat deutliche Kritik geäußert: Das geplante Verfahren bringe keine Qualitätsverbesserungen, die Umsetzung binde dringend für die Patientenversorgung benötigte Zeit, und der bestehende Fragebogen erfülle wichtige wissenschaftliche Standards nicht (BPtK, 2024). Über 100 Datenfelder pro Patient wurden als überzogen kritisiert.
Diese Kritik ist berechtigt und muss ernst genommen werden. Gleichzeitig bietet die frühzeitige Auseinandersetzung mit ROM einen strategischen Vorteil: Wer bereits ein effizientes, evidenzbasiertes Feedbacksystem in seiner Praxis etabliert hat, ist auf die QS-Anforderungen vorbereitet, ohne den gesamten Dokumentationsaufwand als völlig neuen Prozess erleben zu müssen.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen klinisch nützlichem ROM und bürokratischem QS-Verfahren. Wählen Sie Instrumente, die sowohl klinischen als auch regulatorischen Anforderungen genügen: PHQ-9 und GAD-7 sind beispielsweise international anerkannte Instrumente, die sowohl für die therapeutische Steuerung als auch für die Qualitätssicherung ambulante Psychotherapie geeignet sind.
Fazit
Routine Outcome Monitoring in der Psychotherapie ist kein zusätzlicher Verwaltungsaufwand, sondern ein evidenzbasiertes Werkzeug, das die therapeutische Arbeit substanziell verbessert. Die Forschung zeigt konsistent: ROM-Feedback verbessert Therapieergebnisse (d = 0,14), wirkt besonders stark bei gefährdeten Patienten (d = 0,29), reduziert Therapieabbrüche um 20 Prozent und halbiert die Verschlechterungsrate bei Risikopatienten. Clinical Support Tools verstärken diese Effekte erheblich (d = 0,49).
Die sieben vorgestellten Strategien bieten einen strukturierten Weg von der Instrumentenauswahl über die digitale Implementierung bis zur Vorbereitung auf die kommende Qualitätssicherung:
- Wählen Sie ein validiertes Instrument, das zu Ihrer Praxis passt.
- Nutzen Sie digitale Systeme für automatisierte Auswertung und grafisches Feedback.
- Besprechen Sie die Ergebnisse aktiv mit Ihren Patienten.
- Setzen Sie Clinical Support Tools bei Not-on-Track-Patienten ein.
- Messen Sie die therapeutische Allianz systematisch.
- Überwinden Sie Implementierungsbarrieren durch schrittweises Vorgehen und Schulung.
- Bereiten Sie sich frühzeitig auf die G-BA-Qualitätssicherung vor.
Deutsche Forschungseinrichtungen wie die Universität Greifswald mit dem GPNS und die Universität Trier mit dem TTN zeigen, dass ROM in der Psychotherapie in Deutschland nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch praktisch umsetzbar ist. Die Integration von maschinellem Lernen, individualisierten Verlaufsprognosen und automatisierten Warnsystemen weist den Weg in eine zunehmend personalisierte Psychotherapie.
Der entscheidende Schritt ist der erste: Beginnen Sie mit einem einfachen, validierten Instrument und bauen Sie Ihr System schrittweise aus. Ihre Patienten werden davon profitieren — und Sie werden Ihre therapeutische Arbeit auf eine breitere empirische Grundlage stellen. Erfahren Sie, wie digitale Dokumentationslösungen die Implementierung von ROM in Ihrer Praxis unterstützen können.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine psychotherapeutische, medizinische oder rechtliche Beratung. Bei konkreten Fragen zur Implementierung von ROM wenden Sie sich an Ihre zuständige Psychotherapeutenkammer oder Kassenärztliche Vereinigung.
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Quellen
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